E6 – Geist in der Maschine – Es wird ernst

Dave Reinhardt, der mutige und entschlossene Zauberer der Sicherheitsabteilung von MagnaCorp, ordnete abermals seine Notizen auf dem Konferenztisch.   Für kurze Zeit saß er hier alleine, während sein Team eine Pause machte.  Während er die Seiten für das bevorstehende Executive Briefing für seine Kollegen aus der Führungsebene ordnete, hielt er inne und ließ seinen Blick durch den Raum schweifen.  Die Whiteboards der Einsatzzentrale für Sicherheitsverletzungen waren mit Diagrammen, Notizen und anderen Kritzeleien überzogen.  Martys flott dahingeworfene Buchstaben, Erins akkurate blumige Handschrift, Gregs plakative, klare Notizen.  Über die gesamte Breite des größten Whiteboards zog sich eine lange Zeitachse.  Meilensteine und wichtige Fakten überzogen das Board, alles war im Detail bis auf das genaue Datum und die exakte Zeit in Stunden und Minuten dokumentiert.  Ein Gefühl des Stolzes überkam ihn.  Es ging nicht nur darum, einen schwer auszumachenden Hacker aufzuspüren.  Seine Jäger hatten einen nahezu unsichtbaren Feind aufgespürt.

Beim Gedanken an seine Jäger musste er lächeln.  Dies war keine gewöhnliche Jagd.  Ein gewöhnlicher Jäger kann Hufspuren im Schlamm verfolgen.  Ein gewöhnlicher Jäger entdeckt abgebrochene Zweige im Wald.  Diese Jäger verfolgten eine Beute, die diese Spur mit einem einzigen Tastendruck auslöschen konnte.  Diese Jäger verfolgten eine Beute, die von einem Augenblick zum anderen verschwinden und wieder auftauchen, den Erdball umrunden und sich in winzigsten Räumen zwischen den magnetischen Zuständen einer Festplatte verbergen konnte.

Eine letzte Beute musste aber noch gefunden werden.  Eine letzte Jagd.

*****

Der königliche Rat versammelte sich zügig im schwachen Licht einiger Kerzen, die auf dem großen runden Tisch angeordnet waren.   Fackeln beleuchteten die Ecken des Raumes.  Weder das Licht der Kerzen noch der fahle Schein der Fackeln leuchtete ihre Gesichter vollständig aus.  Ihre hellen, intelligenten Augen funkelten im Schatten.  Ein Lufthauch strich über die Kerzen und die Schatten verschoben sich, ihre Mienen verwandelten sich rasch, vermittelten die flüchtigsten Andeutungen ihrer Gefühle.

Der Aufruf zum Treffen spät in der Nacht hatte die Ratsmitglieder wachgerüttelt, doch niemand musste aus dem Schlaf geweckt werden, denn alle wussten um die Bedrohung, der das Königreich ausgesetzt war.  An Schlaf war die letzten Tage für sie nicht zu denken gewesen.  Der Zauberer hatte das Treffen überraschend einberufen, flinke Kuriere in die Nacht hinausgeschickt, um den Rat zu versammeln.

Der Zauberer stand auf.  „Ich habe gute Nachrichten.  Unsere Jagd war erfolgreich.  Die Wachen des Königs haben hart gearbeitet.  Wir haben in den letzten Tagen einige Angriffsversuche unterbunden, die darauf abzielten, unsere Grenzen zu durchbrechen.  Und wir haben mehrere Verräter aus den Reihen der Gilde verhaftet, die jetzt ihr Dasein im Verlies des Königs fristen.“

Aus der Gruppe waren Seufzer der Erleichterung zu vernehmen.  Sofort begann innerhalb des Stabs der Räte ein erleichtertes Geplauder.

„Aber …“ Die Stimme des Zauberers erhob sich und setzte dem Jubel ein jähes Ende. „Ich habe ein paar schlechte Nachrichten.“

Der Zauberer hielt inne, um sich die ungeteilte Aufmerksamkeit zu sichern.

„Der Jäger hat in unserer Mitte einen Feind entdeckt, der sogar noch gefährlicher ist.  Wir glauben, dass ein Agent aus Natiostasien in das Königreich eingedrungen ist.

Die Anspannung schnellte auf einen fiebrigen Pegel.  Die Fragen prasselten nur so.

„Wie können wir sicher sein?“

„Was wurde gestohlen?“

„Wann ist das passiert?“

Der Zauberer hob seine Hände.  „Lassen Sie mich erklären…“

Der Zauberer erklärte, wie fanatisch der Jäger das Schloss inspiziert hatte.  Er erläuterte die rigorose Überprüfung der Zugangsprotokolle und die Zeit und Mühe, die von der Torwächterin und ihrem Personal investiert worden waren.  Nach einer gründlichen Beschreibung der Jagd enthüllte er den Köder, der den mysteriösen Feind anlocken sollte: den Wagen mit goldfarben lackierten Eisenstangen und bedeutungslosen, gefälschten Vertragsdokumenten.

„Dem letzten Tropfen Honig konnte dieser Feind – dank dem Besuch des Handelsmeisters – einfach nicht widerstehen.  Er hat den Köder aufgenommen und der Jäger konnte unseren Feind schließlich ausfindig machen.  Genau in diesem Moment stellt er die letzte Falle auf.“

„Dann ist die Bedrohung vorüber, nicht wahr?“, fragt die Gouvernante atemlos.

„Ha!“, lachte der Berater.  „Und er hat lediglich bedeutungslose Eisenstangen an sich gebracht, die goldfarben lackiert waren.“

Die übrigen Mitglieder des Rates fielen in das Gelächter mit ein.

„Moment!“ Der Zauberer hämmerte auf den Tisch.  „Ja, er hat sich mit ein paar lackierten Eisenstangen davongemacht.  Wir haben heute aber auch entdeckt, dass er sich mit einem golden Siegel Zugang zum königlichen Tresorraum verschafft hat. Die Bedrohung ist mehr als ernst.  Er hat sich mit Kopien unserer Wehranlagen und militärischen Pläne auf und davon gemacht.“

Die letzte Bemerkung ließ die engsten Vertrauten des Königs nach Luft ringen.  Sie wussten, dass das Königreich in einer größeren Gefahr als jemals zuvor in seiner sehr langen Geschichte wäre, sobald Natiostasien diese Pläne im Besitz hätte.   Der Raum was in erdrückendes Schweigen gehüllt.

Die Augen des Zauberers verengten sich zu Schlitzen, als er fortfuhr.  Wir haben Berichte erhalten, nach denen Natiostasien begonnen hat, eine riesige Streitmacht an unserer Grenze zusammenzuziehen.   Angesichts der Pläne, die dieser Schurke gestohlen hat, kann es sein, dass wir uns nicht verteidigen können.“

Am Dienstag gibt es die letzte, aufregende Folge von „Die Verteidigung des Königreichs!“

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