E6 – Der Geist in der Maschine – Phantomspuren

Der Geist stieg aus dem riesigen Wagen und nickte dem Wächter im Vorbeigehen zu. Er hatte den Wagen in gewissen Abständen besucht, so dass er sicher sein konnte, dass jeder Wächter ihn nur flüchtig gesehen hatte. Sobald er den Schichtwechsel der Wächter nachvollzogen hatte, benötigte es lediglich etwas Geduld und Zeit, um die Frequenz und den Zeitpunkt seiner Besuche festzulegen. Seine selbstsichere Ausstrahlung war ihm jedes Mal, wenn er seinen goldgeprägten Ausweis aufblitzen lies, eine große Hilfe. Die Tatsache, dass alles an dem Geist – von seinem Gesicht über seine Kleidung und seinen Gang bis hin zu seiner Stimme – vollkommen unauffällig waren, war ebenfalls äußerst hilfreich. Er war sich sicher, dass alle Wächter stets dachten, sie sähen ihn zum ersten Mal – unabhängig davon, wie häufig er die Kontrollpunkte bereits passiert hatte. So war der Geist. Das Gerücht einer blassen Erinnerung an den Schatten eines Rauchwölkchens.

Nach mehreren Tagen der Beobachtung kam der Geist endlich zu dem Schluss, dass der Wagen etwas unermesslich wertvolles beherbergen musste. Die Wächter wurden stetig ausgewechselt. Zwar hatte sich die Routine nicht verändert, jedoch war auf dem Baugrundstück einiges an Aktivität zu verzeichnen. Sogar der Handelsmeister selbst hatte in Begleitung einer ehrfurchtgebietenden Gestalt in wallendem Gewand das Baugrundstück besucht. Der Geist war, obwohl er sich an jede Person erinnern konnte, die er gesehen hatte, ganz besonders fasziniert von dieser neuen Gestalt. Der geheimnisvolle Fremde wurde von einer großen schwarzen Katze begleitet. Der Geist hatte die Vermutung, dass dieser neue Gegenspieler eine wichtige Rolle spielte, und er wurde das merkwürdige Gefühl nicht los, dass es sich um einen Gleichgesinnten handelte. Selbst wenn die Gestalt im dunklen Gewand eine zusätzliche Sicherheitsvorkehrung darstellte, war der Geist allerdings keinesfalls beunruhigt.

In dem kleinen Beutel, den er unter seinem weiten Mantel an der Taille befestigt trug, hatte er das Gold und die Dokumente aus dem Wagen herausgeschleust. Das Gold hatte er durch wertlose Eisenbarren ersetzt und die Dokumente durch leere Blätter. Seine Arbeit hier war fast getan. Auf ihn wartete nur noch eine letzte Aufgabe: Das Königreich mitsamt seiner Beute zu verlassen und nach Natiostasien zurückzukehren.

Seelenruhig spazierte der Geist mit der letzten Ladung an Kostbarkeiten durch die Gassen. Vor einer baufälligen Scheune blieb er stehen. Nachdem er sich mit einem Blick zu beiden Seiten vergewissert hatte, dass ihm niemand gefolgt war, betrat er die muffig riechende Scheune. Ein kräftiges, vor eine alte Kutsche gespanntes Pferd erwartete ihn bereits und ließ sich etwas Heu schmecken. Als er sich näherte, unterbrach das Pferd kurz sein Kauen und wieherte ihm entgegen.

Der Geist kletterte auf die Kutsche und streichelte liebevoll eine eiserne Kiste, die einzige Fracht der Kutsche. Er schloss die Kiste mit einem Schlüssel auf, der an einem Band um seinen Hals baumelte. Der Deckel der Schatzkiste klappte auf und es kamen in grobes Leinen gewickelte Pakete zum Vorschein. Feierlich ließ der Geist sein letztes Paket in die Schatzkiste fallen, verschloss diese und kletterte nach vorn auf den Fahrersitz. Dann ergriff er die Zügel, schnalzte dem Pferd zu und lächelte in sich hinein.

*****

Marty betrat das Security Operations Center von MagnaCorp erfüllt von Nostalgie. Stellte das Rechenzentrum den Kokon für den Beginn seiner Transformation dar, dann war das SoC der Ort, an dem der Schmetterling geschlüpft war. Nach der Anlernphase mit Carl fand sich Marty an vorderster Front der Sicherheitsschlachten wieder, die in MagnaCorp ausgetragen wurden. Als eine der größten Kapitalgesellschaften der Welt war MagnaCorp eine riesige Zielscheibe auf den Rücken gemalt – sowohl von Wettbewerbern aus allen Branchen als auch von kriminellen Gegnern jeglicher Art und Größe. Diese Tatsache wirkte sich auf jeden Wolkenkratzer im Besitz des Unternehmens sowie auf jedes einzelne verkaufte Produkt bis hin zu jedem seiner angeschlossenen Server aus. Im SoC hatte Marty bei der Verfolgung von kleineren Virusinfektionen, defekter Hardware und menschlichem Versagen, das böswillige Absichten nachahmte bis hin zu ausgereiften Angriffen zahllose Male die ganze Welt umrundet. So sammelte er erste eigene Erfahrungen in puncto Sicherheit und verwandelte sich in den Jäger, als den wir ihn heute kennen.

Marty trat von hinten an die Analysten heran, die vor ihren Monitoren saßen und sich konzentriert durch die Bildschirme klickten, auf denen sich verschiedene Fenster öffneten. Marty warf einen Blick auf die mächtigen, an die NASA erinnernden Bildschirme, die den Gesamtstatus des Operations Center am Eingang des Raumes anzeigten.

„Tony, Sie wollten mich sprechen?“

Tony, ein junger Techniker, der an einem der Monitore saß, drehte sich in seinem Stuhl herum.

„Sie erinnern sich an diese Systeme, die Sie mich überwachen ließen? Wir hatten darauf gestern Abend mehr Aktivität.“

„Ja, ich weiß. Davon habe ich den Traffic analysiert. Ich bin mir sicher, dass wir etwas auf der Spur sind. Bislang ist es allerdings nur ein großes Herumstochern.“

„Naja, vor fünf Minuten hat eins der Canary Token eine DLP-Warnmeldung ausgegeben. Darum habe ich Sie angerufen.“

„Wirklich?“ rief Marty aufgeregt. Schnell setzte er sich an eine der freien Konsolen und meldete sich an.

Tony und der andere Techniker im Raum, ein stämmiger Kerl namens Paul mit Irokesenschnitt und Nasenring, warfen einander einen Blick zu und grinsten. Sie nickten gleichzeitig und sprangen aus ihren Stühlen auf, um sich zu beeilen, Marty über die Schulter zu schauen.

Martys Finger flogen über die Tastatur. Protokolle wurden geparst. Der Mauszeiger tanzte hektisch über den Bildschirm. Pakete wurden analysiert. Er wirbelte von einer Datenansicht zur nächsten. Protokolle wurden kontrolliert.

Tony und Paul sahen sich wieder an. Unverfälschte Kunst in Reinform, dachten beide. Ihre Blicke bohrten sich in den Bildschirm, während Sie dem Jäger bei der Arbeit zusahen.

Am Dienstag gibt es die nächste Folge!

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