E6 – Der Geist in der Maschine – Honey, ich bin zu Hause!

Greg und Marty kamen aus dem Rechenzentrum und nahmen den direkten Weg zu ihren Schreibtischen. Ihr selbstgefälliges Grinsen deutete darauf hin, dass sie etwas im Schilde führten – und dass sie es genossen. Sie hatten ihre Komplizen Erin und Carl mit einer langen To-do-Liste zurückgelassen. Mittlerweile machten Erin und Carl sich an das Netzwerk von MagnaCorp. Unter Martys Regie nahm die Umsetzung des Plans ihren Lauf.

„Okay. Meinst du, wir haben an alles gedacht?“, fragte Greg.

Marty blieb plötzlich stehen. Greg stolperte noch ein paar Meter weiter, bevor auch er mit quietschenden Sohlen stehen blieb. Marty warf ihm „den Blick“ zu.

„Mal überlegen … Die Honeypots sind eingerichtet. Die DNS-Einträge verweisen auf die Systeme. Wir haben die Hostdateieinträge geändert, sie verweisen jetzt auf die Honeypots. Erin aktualisiert gerade das Active Directory mit diesen neuen ’supergeheimen‘ Systemen (Marty zeichnete die Anführungszeichen in die Luft, was Greg ziemlich nervte) und Carl generiert den Pseudodatenverkehr an die Systeme. Damit wäre wohl alles erledigt.“

„Ich weiß. Aber dieser Typ – oder diese Typen – scheinen wirklich gut zu sein. Wir finden ihre Zugänge nicht. Glaubst du, dass sie drauf reinfallen?“ Marty eilte weiter zu seinem Arbeitsplatz. Greg hechtete hinterher.

„Ich brauche nur noch ein paar Breadcrumbs. Noch ein paar Sitzungen zum Nachverfolgen. Ein bisschen Netflow. Alles, was ich definitiv den Angreifern zuschreiben kann. Wenn ich das habe, wird sich alles zusammenfügen. Außerdem sind diese Systeme komplett dicht – mit Ausnahme von ein paar Schlupflöchern, die ich offen gelassen habe. In diesen Systemen entgeht mir absolut nichts. Hast du die DLP-Regeln fertig?“

„Jup. Die werden heute Abend als Notfallupdate eingespielt. Ich musste die ‚Mach’s einfach, weil ich es sage‘-Masche abziehen. Die Admins haben sich gefragt, warum wir das immer sagen.“

„Also, wenn eins von unseren Honeypotdokumenten versucht, durch den Perimeter zu kommen, müssen Alarme mit höchster Priorität losgehen. Mit den Canary-Token in diesen Dateien finde ich heraus, wo sie Daten exfiltrieren könnten.“

„Okay. Mein Vertrauen hast du. Aber es steht viel auf dem Spiel.“

„Wenn das wahre Angriffsziel unsere Forschungsarbeit mit vNextGen ist, sind unsere Gegner die Einzigen, die sich diese Systeme anschauen werden. Solche neuen Systeme im F&E-Bereich mit CAD-Zeichnungen, PowerPoints und Dokumenten mit Namen wie ‚SupergeheimeFormel.doc‘ können sie sich wohl kaum entgehen lassen, oder?“

„Du hast aber nicht ernsthaft eine Datei so genannt, Marty?!“

*****

Der Geist wandelte durch die betriebsame Menge auf der Hauptstraße der Festung. Er ließ sich Zeit, da er keinen Grund zur Eile hatte. Vielmehr war ein betontes Desinteresse sein Mittel für eine auffällige Unauffälligkeit. Zwischendurch warf er den einen oder anderen Blick in ein Schaufenster. Nachdem er die kargen Waren der Händler betrachtet hatte, wollte er unbedingt etwas von Interesse finden.

Als er um eine Ecke bog, erblickte er eine Unterbrechung im Strom der Menschenmenge. Eine Wagenkolonne bahnte sich ihren Weg durch die Passanten. Er sprang schnell die Treppe zu einem Laden hinauf, um über die Menschen hinweg sehen zu können. Einige Wagen waren mit offenbar wertlosem Kram beladen, andere mit Pflaster- und Ziegelsteinen. „Was ist das?“, fragte er sich. Das Material auf den Wagen reichte auf jeden Fall für ein größeres Bauprojekt.

Der Geist schlich in eine kleine Gasse hinein, um der Menschenmasse aus dem Weg zu gehen. Er schlängelte sich durch den schmutzigen und feuchten Gang an Pfützen und Mülltonnen vorbei, um die Wagenkolonne abzufangen. Einige Minuten später erreichte er eine andere Hauptstraße. Sofort erkannte er, wo er sich befand. Das gewaltige Bauwerk vor ihm gehörte zu den Ministerien des Königs.

Einige Amtsstuben sollten also in einem großen Bauprojekt erweitert werden. Der Geist huschte durch das verwinkelte Gebäude, in dem er sich gut auskannte. Er grinste. Er wusste genau, wo die Arbeiten stattfinden sollten: in den Amtsstuben des Handelsmeisters.

Während er diesen Bereich des Gebäudes umkreiste, beobachtete er, wie das neue Fundament gelegt wurde. Sein Blick fiel auf einen schweren Eisenpanzerwagen neben der Baustelle, der scheinbar streng bewacht wurde. Alles deutete darauf hin, dass dieser Wagen mit besonders wichtigen oder wertvollen Materialien beladen war: jede Menge Wachen, eine schwere Eisentür mit einem massiven Schloss und schweren Ketten, dicke, mit Eisen verstärkte Eichenwände. Schon der erste Anblick des Wagens sollte den Betrachter einschüchtern. Die Wachen hielten alle Passanten auf Abstand und lenkten die Aufmerksamkeit von neugierigen Kindern auf die Arbeiter, die sich mit Holz und Steinen abmühten.

Der Geist wurde misstrauisch. Alles schien zu schön, um wahr zu sein. Er hielt kurz inne und schlich schließlich ein wenig näher an den Wagen heran, um sein neues Ziel genauer zu erkunden. Nachdem er alle Möglichkeiten durchgegangen war, kam er zu dem Schluss, dass es sich um ein echtes Projekt handeln musste. Es wurde einfach zu viel Aufwand betrieben, als dass es eine Falle sein könnte.

Während der Geist in einer dunklen Gasse verschwand, griff er nach dem geheimen Schatz, den er unter seinem Umhang verborgen hielt. Unter der schummerigen Laterne vor einem schäbigen Wirtshaus blieb er stehen. Im schwachen Licht zog er eine kleine, ledergebundene Mappe unter seinem Umhang hervor. Als der Geist sie öffnete, fiel der Lichtschein auf den Rand eines goldenen Siegels. Es war sein Universalschlüssel zu allen Bereichen des Schlosses. Er wollte jetzt unbedingt seinen letzten Trumpf ausspielen und endlich ein Ziel finden, das es wert war, diesen Schlüssel einzusetzen!

Am Dienstag gibt es die nächste Folge!

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