E6 – Der Geist in der Maschine – Der Vorhang fällt

Das Pferd des Jägers schnaufte schwer und wühlte die Erde auf, als es im vollen Galopp über den Feldweg auf die Grenze zu steuerte.  In den wirbelnden Staubwolken, die das Pferd hinter sich herzog, spiegelte sich das Mondlicht.  Der Jäger biss die Zähne zusammen, als das Pferd schlitternd um eine Ecke bog.

Seine Gedanken rasten.  Er fragte sich, ob er es rechtzeitig schaffen würde.  Er ging alle seine Schritte der letzten Tage im Kopf durch und versuchte, sich zu beruhigen.  Während er jeden einzelnen Moment analysierte, ertappte er sich bei dem Wunsch, das Rätsel schneller gelöst zu haben.  Er betete, nicht zu spät zu sein.  Zu viele Menschen verließen sich auf ihn.  Die Bedrohung war zu groß.

Von der Kuppe eines kleinen Hügels konnte er die Staubwolke sehen, die von der Kutsche aufgewirbelt wurde, die vor ihm über den kurvenreichen Weg donnerte.  Kurzzeitig verdeckten Bäume ihm die Sicht auf seine Beute, aber er wusste, dass er ihr näher kam.  Das Pferd machte einen Satz über mehrere Senken auf dem Weg.  Der Jäger duckte sich vor dem reißenden Wind und ächzte.  Sein Rücken schmerzte, als er mit seinem Pferd an einer niedrigen Steinmauer vorbei jagte.

Endlich war die Kutsche in Sichtweite.   Das Mondlicht blitzte auf und erleuchtete den Wagen: Selbst aus der Entfernung war die Schatzkiste gut zu erkennen.  Ruckartig drehte sich der Fahrer der Kutsche herum, um den ihn verfolgenden Gegner sehen zu können.

Der Geist verzog sein Gesicht, als er den rasenden Jäger hinter ihm erspähte.  Mit funkelnden Augen trieb er sein Pferd weiter an.  Die Kutsche schleuderte durch eine Kurve.  Die schwere Schatzkiste rumpelte gegen die Innenwand der Kutsche, als das Gefährt auf zwei Räder kippte.  Das Pferd spannte sich gegen die Last, nahm aber wieder Fahrt auf, da der Weg bergab führte.

Der Jäger hörte einen Schmerzensschrei durch die Nacht hallen, als der Geist seine Verzweiflung hinausschrie.  Energisch bearbeitete der Jäger die Flanken seines mächtigen Hengstes, um ihn zu höherer Geschwindigkeit anzutreiben.   Sein Mantel flatterte im Wind und er fasste die Zügel kürzer.  Wieder hatte er die Kutsche aus den Augen verloren, als er an einer Reihe von Bäumen vorbei galoppierte.

Als der Jäger die Bäume hinter sich gelassen hatte, sah er vor sich die Grenzstation.  Die nun pferdelose Kutsche war auf die Seite gekippt.  Die Schatzkiste war ins Gebüsch geschleudert worden.  Neben der Kutsche konnte der Jäger eine am Boden liegende Person ausmachen.  Bei der Kutsche angekommen sprang er von seinem Hengst   und eilte zu der Person am Boden.  Es handelte sich um einen Wachposten der Grenzstation. Der Mann lag auf der Seite und stöhnte leise.  Auf seiner Stirn zeichnete sich eine Beule ab.  Der Jäger beugte sich über ihn, um die Wunde zu inspizieren.

Nachdem er sichergestellt hatte, dass der Wachposten nur leicht verletzt war, suchte der Jäger angestrengt den verhangenen Horizont der Grenze ab.  In der Ferne bewegte sich eine verschwommene Gestalt.  Er ging ein paar Schritte die Straße hinunter auf sie zu.  Da schob sich eine Wolke vor den Mond und tauchte die Landschaft in Finsternis.

In der Ferne hörte er das leise Klappern von Pferdehufen auf der asphaltierten Straße.  Als sich der Himmel wieder lichtete und das Mondlicht nach und nach die Landschaft erhellte, erkannte der Jäger die verschleierten Umrisse eines in der Dunkelheit verschwindenden Reiters mit seinem Pferd.

*****

Mit übernächtigten Augen verfolgte Marty die scrollende Befehlszeile.  Während er im Geiste die aufgelisteten Dateien abhakte, wanderten seine Gedanken zu den letzten entscheidenden Stunden.  Zu diesem Zeitpunkt war alles noch sehr verschwommen.   Trotz seiner Müdigkeit zwang er sich, noch ein paar Minuten länger konzentriert auf den Bildschirm zu schauen.

Das Rätsel um den Angriff war schnell gelöst, sobald Marty jedes System einzeln zurückverfolgt hatte, um aus der verrückten Häufung von Infektionen schlau zu werden.  Das letzte Puzzleteilchen, namentlich das privilegierte Administratorkonto, das den Todesstoß ins digitale Herz von MagnaCorp bedeutet hatte, war Marty dank seines ausgeklügelten Honeypot-Systems sozusagen in den Schoß gefallen.  Mit diesem Wissen hatte Marty den verschachtelten und verwirrenden Weg des Angreifers durch das riesige Netzwerk nachgezeichnet.   Am Ende dieser komplexen Spur lag ein ganzer Schatz an Dokumenten – alle gepackt und bereit zur Exfiltration.

Marty kam es enttäuschend vor, dass er lediglich ein paar Tasten drücken musste, um die Dateien zu sperren und das Konto auszusperren.  Er hatte sich seinen Einsatz heldenhafter vorgestellt.  Er wünschte sich eine größere Befriedigung.  Am liebsten wollte er den Angreifer mit eigenen Händen von der Tastatur wegreißen und den Laptop, das Werkzeug seines Angriffs, zerschmettern.  Sehnlichst wünschte er sich, die Metalltür zuschlagen zu hören, nachdem er diesen böswilligen und hinterhältigen Unbekannten in eine Gefängniszelle geworfen hatte.  Er selbst wollte den Schlüssel herumdrehen.

Aber er wusste, dies war ein Wunschtraum und nicht die Realität.  Trotz ihrer größten Anstrengungen bei der Zuordnung würden die eigentlichen Schuldigen ein Rätsel bleiben – zumindest für den Moment.  Die letzten zwei Wochen kamen Marty vor wie eine endlose Aneinanderreihung von Tagen und Nächten, die ineinander verschwammen.  Greg hatte den Schulausflug seines Sohnes verpasst.  Erin und ihr Team hatten massenhaft Überstunden geleistet.  Der Angriff hatte das Leben eines jeden von ihnen zum Stillstand gebracht.  Marty wusste, dass sich der durch die Sicherheitsverletzung verursachte Stress ausweitete – auf seinen Chef Dave, auf die anderen Führungskräfte, auf deren Familien.  Es war, als hätte jemand einen schweren Stein in einen Teich geworfen.  Die Wellen breiteten sich auf alles im Umkreis aus und die Wasseroberfläche würde sich erst nach einiger Zeit wieder glätten.

Marty drückte ein letztes Mal auf die Eingabetaste und wusste: Die Bedrohung war vorüber.  Er seufzte tief und wissend.  Seine Hand schloss langsam den Deckel seines Laptops.  Der Laptopdeckel klickte.  Es war vorbei.  Bis zum nächsten Mal …

 

Am Dienstag gibt es meine abschließenden Gedanken!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

No Comments